Die Schweißnaht ist nicht Verdeckung, sondern Offenbarung

„[…] Ausgangspunkt ist das Rohmaterial, die massive Stahlplatte. Ein Symbol für Widerstand, Industrie, Schwere. Doch unter den Händen des Künstlers vollzieht sich ein Wunder der Verwandlung. Durch das Schneiden, das behutsame Biegen, den präzisen, setzenden Punkt des Schweißgeräts wird diese Schwere einer neuen Logik unterworfen. Sie wird nicht verleugnet, sondern umgewidmet. Der Stahl behält seine materielle Autorität, doch sie wird kanalisiert, in Bahnen gelenkt, die von Harmonie, Rhythmus und einer tiefinnerlichen Dynamik sprechen. Was entsteht, ist von einer überraschenden, fast unmöglichen Eleganz. Eine Eleganz, die nicht dekorativ ist, sondern strukturell. Sie entspringt der absoluten Kongruenz von Gedanke, Form und Ausführung. Hier gibt es keine Trennung. Die Klarheit der künstlerischen Idee ist identisch mit der Klarheit der technischen Umsetzung. Die Schweißnaht ist nicht Verdeckung, sondern Offenbarung. Sie ist die sichtbare Spur des Entstehungsakts, der präzise Strich, der zwei Teile zu einem neuen Ganzen verbindet. In dieser Deckungsgleichheit von technischem Können und künstlerischer Gestaltung liegt eine immense Integrität. Jedes Werk von Jochen Warth trägt seine Entstehung in sich, es ist wahrhaftig bis in die letzte Fuge. […]“

Zitat aus der Einführungsrede von Helm Zirkelbach zur Ausstellung von Jochen Warth im Künstlerbund Tübingen am 17.1.2026

Das ganze Redemanuskript steht hier als PDF zum Download bereit